Brigitte Stutz

Glauben im Zeitalter der Naturwissenschaften

Berichte 2018<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-kelleramt.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>308</div><div class='bid' style='display:none;'>1653</div><div class='usr' style='display:none;'>5</div>

Am 4. April fand im Mehrzweckraum der Ref. Kirche Kelleramt eine Veranstaltung statt, welche die rund 70 Besucherinnen und Besucher mit einem zeitgemässen Verständnis von Gott konfrontierte.
Hans-Rudolf Stadelmann als Referent, er ist Atomphysiker und Theologe, versuchte dabei, auf dem Hintergrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Evolutionstheorie ein Gottesbild zu entwickeln, das den heutigen Erkenntnissen über die Entstehung von Kosmos, Erde und Leben auf der Erde Rechnung trägt.

Die Vielfalt biblischer Gottesbilder
Gott erscheint in der Bibel in verschiedenen Gottesbildern: Gott als Schöpfer, als Weltherrscher, als König. Richter, Rächer, Hirte, Fels, Hort, Vater, Liebe und ... und. Bei dieser Vielzahl und Vielfalt an Gottesbildern stellt sich die Frage: Gibt es den “biblischen Gott“ überhaupt?
Die biblischen Gottesbilder entstammen einer Zeit, in der die Welt als eine Scheibe verstanden wurde, abgestützt auf Pfeilern in der Urflut. Das Himmelsgewölbe überspannte die Erde wie eine Käseglocke und verhinderte so das Eindringen der Urflut. Das damalige Weltbild war ein duales: unten die Erde mit ihrer Fauna, Flora sowie den Menschen und oben der Himmel mit Gott.

Kosmische Evolution
Vor ca. 15 Milliarden Jahren muss ein Zustand unendlich grosser Energiedichte in einem Punkt konzentriert vorgelegen haben, mit der die Geschichte unseres Universums begonnen haben muss. Für diesen Anfang hat sich der Begriff Urknall eingebürgert. Raum, Zeit, Energie und Materie haben also einen Anfang im Urknall. Kurz nach dem Urknall dehnte sich das Universum in der sog. Inflationsphase noch weiter aus und es folgten verschiedene Evolutionsprozesse (chemische und biologische Evolution, Evolution der Tier- und Pflanzenwelt, Evolution des Geistes).

Der Weltgeist, der sich in der Evolution offenbart
Die Evolution ist ein schöpferischer Prozess hinter dem ein kreativer schöpferischer Geist steht, den Stadelmann nicht Gott, sondern Weltgeist, nennt. Da die Evolution (Schöpfung) als ein anhaltender Prozess zu verstehen ist und Gott sich als der Geist in der Welt mit fortschreitender Schöpfung zu-nehmend konkretisiert und damit immer wieder neu offenbart, kann Gott selbst nicht länger als gänzlich unveränderlich (ewig) gedacht werden, sondern er ist in unaufhörlicher Selbstschöpfung begriffen, als ein lebendiger und sogar werdender Gott zu verstehen.
Gott ist der transzendent-immanente Geist, das umfassende, kreativ geistige Prinzip also.

Evolutionäres Gottesbild und christlicher Gott – ein Widerspruch?
In den meisten biblischen Gottesbildern haben wir uns Gott als eine ausserweltliche, unveränderliche und mit ins Absolute gesteigerten menschlichen Eigenschaften ausgestattete Person vorzustellen. Als einen absoluten Weltherrscher, der nach Belieben Naturgesetze ausser Kraft setzen und von oben her in die Geschicke auserwählter Völker und Menschen eingreifen kann.
Im evolutionären Gottesbild steht Gott als Weltgeist in ständiger kreativer Wechselwirkung mit seiner sich entwickelnden Schöpfung. Das heisst gerade nicht, dass er willkürlich in Naturvorgänge oder in die Menschheitsgeschichte einzugreifen vermag. Gott kann durchaus weiterhin als Schöpfer und grosser Beweger der Welt verstanden werden, insofern er eben als kreatives Potential im ganzen kosmischen Evolutionsprozess wirkt.

Was bleibt für den Einzelnen von der Veranstaltung mit Herrn Stadelmann?
Diese Frage muss jeder Besucher bzw. jede Besucherin für sich selbst beantworten. Auch die an der Veranstaltung aufgeworfene Frage: Brauchen wir den Glauben?
In der Spiritualität Gott erfahren: Spirituelle Erfahrungen bestehen im Wechsel von Resonanz- und Absurditätserfahrungen (Resonanzerfahrung: z.B. Liebe und Grundvertrauen ins Leben/ Absurditätserfahrung: z.B. Tod, Sinnlosigkeit). Betroffensein von überwältigendem Sinn und niederdrückender Sinnlosigkeit.
Da Gott ja in allem – auch in uns – innewohnt, leben wir eigentlich in einer permanenten Beziehung zu Gott, und unsere Offenheit sollte sich nicht nur auf bestimmte Zeiten beschränken. Achtsamkeit – so die Bezeichnung der Haltung der Mystiker – sollte uns durch das tägliche Leben und Handeln begleiten. Wer achtsam lebt, lebt in Beziehung mit sich selbst, mit der Schöpfung, mit Gott und mit den Menschen.
Beten ist die Zwiesprache mit Gott und sollte nicht dafür benützt werden, Gott zu einem bestimmten Handeln zu veranlassen.

Was bleibt für die Kirchgemeinde von der Veranstaltung mit Herrn Stadelmann?
Wenn die Veranstaltung dazu führt, dass die Mitglieder in der Kirchgemeinde bereit sind, über ihre Überzeugungen, aber auch über ihr Suchen im Zusammenhang mit dem Gottesbild zu sprechen, haben wir das erreicht, was wir uns insgeheim erhofft haben.

Felix Maurer, 056 634 42 05,
Bereitgestellt: 09.04.2019     Besuche: 40 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch